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WAS FÜR EINE BILANZ – VIELEN DANK!

Von Lesern und Schriftstellern einst als Reaktion auf Greenwashing und Kulturmissbrauch der Atomindustrie gegründet besteht Hamburgs Literaturfestival 'Lesen ohne Atomstrom – Die erneuerbaren Lesetage' nun seit sieben Jahren: In 66 Veranstaltungen sind 257 Autoren und Künstler aufgetreten, vor 29.800 Zuschauern. Vielen Dank allen, die das möglich gemacht haben – den Besuchern, den Förderern, den unternehmerischen Partnern, den Ehrenamtlichen und den engagierten Künstlern.

 

„G20 SIND SÖLDNER UND LAKAIEN“

Für Bestseller-Autor Jean Ziegler formiert sich diese Woche auf den Straßen Hamburgs „ein großartiger demokratischer Widerstand als Ausdruck einer unglaublich lebendigen europäischen Zivilgesellschaft“. Anlass ist der G20-Gipfel – der für den Schweizer UN-Diplomaten ein „total illegitimes und illegales Zusammentreffen ohne Rechtsgrundlage“ ist. Ziegler sagt dies in einer Videobotschaft für die 'Lesen ohne Atomstrom'-Veranstaltung am 5. Juli – an der der 83-Jährige unbedingt persönlich teilnehmen wollte. Doch die UN haben Ziegler kurzfristig nach New York zu Sitzungen der Staatengemeinschaft gerufen. In seinem Statement richtet Ziegler das Wort an die Zuschauer des seit Wochen restlos ausverkauften 'Lesen ohne Atomstrom'-Protests: „Ich bedaure, dass ich in New York bin - und nicht bei Ihnen in Hamburg. Die illegitimen G20 gehören ersatzlos aufgelöst.“ Damit bezieht sich der Berater von UN-Generalsekretär Guterres auf den verstorbenen Autor der UN-Menschrechtserklärung Stéphane Hessel, für den G20 „eine zwischenstaatliche Veranstaltung ohne Legitimation“ ist. Vor dem Hamburger Gipfel ist Ziegler wütend auf die G20: „Die Oligarchien des weltweiten Finanzkapitals haben eine Diktatur errichtet auf diesem Planeten, die stärker ist als alle Nationalstaaten. Wegen dieser unglaublichen Machtkumulation in den Händen ganz Weniger steigen die Leichenberge in der Dritten Welt. Alle fünf Sekunden verhungert ein Klind unter zehn Jahren in der südlichen Hemisphäre – und das auf einem Planeten, der problemlos zwölf Milliarden, also das Doppelte der jetzigen Weltbevölkerung, ernähren könnte. Ein Kind, das – wo wir hier reden – an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Und weiter: „Wir leben in einer kanibalischen Weltordnung: Die Leute von G20 sind reine Befehlsempfänger, sie sind Söldner und Lakaien des globalisierten Finanzkapitals. Sie gehören bekämpft.“ Im Programm der konzertanten Lesung am Mittwoch wird die Videobotschaft Zieglers gemeinsam mit Film-Statements von Japans Ex-Premier Naoto Kan und Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch gezeigt.

 

VIDEOBOTSCHAFT VON NOBELPREISTRÄGERIN

„Es muss den Regierenden klar sein, dass in der Zukunft die Hauptkonfrontation der Kampf zwischen Mensch und Natur sein wird. Die ersten Zeichen dieser Konfrontation waren Tschernobyl und Fukushima“, sagt Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in einer Videobotschaft für die Extra-Ausgabe des Literaturfestivals 'Lesen ohne Atomstrom' anlässlich des G20. Die weißrussische Schriftstellerin sieht die Zivilisation im nuklearen Zeitalter am Abgrund, fordert deshalb vor dem Staatschef-Gipfel radikale Umwälzungen: „Um zu überleben, müssen wir andere Menschen werden – mit einer anderen Philosophie.“ Mit den Staatschefs aus USA, Russland, Türkei, Frankreich, Großbritannien und Japan kommen die einflußreichsten Atomlobbyisten der Welt in Hamburg zusammen. Das Ergebnis der Atompolitik habe sie selbst gesehen, sagt Alexijewitsch, die mehrfach an die zentralen GAU-Plätze der Welt in der Ukraine und Japan gereist ist: „In Tschernobyl hat die Natur über den Menschen gesiegt, in einem ungleichen Kampf. Die Regierenden sollten sich bewusst machen: Wegen dieser Konfrontation zwischen Mensch und Natur wird es Millionen Flüchtlinge geben. Es werden ganze Karawanen sein.“
Die Nobelpreisträgerin konstatiert „die Niederlage des rationalen Menschen: Die Welt braucht jetzt einen humanitären Menschen, der die Natur nicht als seinen Selbstbedienungsladen ansieht, sondern sich zu ihr verhält wie zu einem lebenden Wesen. Der sich selbst nicht als Herrscher, als Zar über die Natur betrachtet, sondern sich als Teil von ihr begreift – als einen ziemlich hilflosen Teil.“ Das Alexijewitsch-Statement wird bei der konzertanten Lesung am 5. Juli in der Laeiszhalle gezeigt, gemeinam mit einer Videobotschaft aus Tokio von Japans Ex-Premier Naoto Kan. Auch der frühere G20-Teilnehmer fordert von seinen ehemaligen Kollegen vor dem Hamburger Gipfel konkrete Schritte zum weltweiten Atomausstieg.

 

HAIDI GIULIANI APPELLIERT AN HAMBURGS BÜRGERMEISTER

Ihren Sohn Carlo tötete die Polizei mit einem Kopfschuss, als der 23-Jährige mit 300.000 Menschen am 20. Juli 2001 gegen den G8-Gipfel in Genua protestierte. Im Vorfeld des G20 in Hamburg hat sich die frühere Parlamentsabgeordnete Haidi Giuliani, die am 5. Juli bei 'Lesen ohne Atomstrom' über die Ereignisse von Genua berichten wird, an Hamburgs Regierungschef Olaf Scholz gewandt: „Verteidigen Sie sich, Herr Bürgermeister – und verteidigen Sie bitte Ihr schönes Hamburg! Dafür reicht es, klar 'Nein' zu G20 zu sagen.“ Das Schreiben von Giuliani, das die 'Lesen ohne Atomstrom'-Veranstalter der Hamburger Senatskanzlei übersandt haben, werfe unweigerlich eine Frage auf - sagt Festivalsprecher Oliver Neß: „Hat auch Hamburgs Senat im Vorfeld des G20 Leichensäcke angeschafft? Wir haben den Bürgermeister dazu um Information gebeten, leider keine Antwort erhalten.“ In Genua waren 200 Transporthüllen für die offenbar einkalkulierten Toten der Gipfel-Proteste bereitgehalten worden, berichtet Giuliani Hamburgs Bürgermeister: „Erlauben Sie mir, Sie auf einige Zahlen von drei Tagen G8-Gipfel im Jahr 2001 aufmerksam zu machen: es gab 18 Pistolenschüsse durch die Polizei, die G8-Veranstalter kauften im Vorfeld des Gipfels 200 Leichensäcke, 6152 Patronen Tränengas wurden gegen unbewaffnete Menschenverschossen, es wurden fünf Kreuzfahrtschiffe als Unterkunft der Delegationen bereitgestellt, es mussten 15 Milliarden Lire (damals 15 Millionen D-Mark) Schadenersatz-Zahlungen geleistet werden, die Gipfelkosten betrugen rund 240 Milliarden Lire (damals 240 Millionen D-Mark), rund 20.000 „Sicherheitskräfte“ wurden eingesetzt. Und: Es gab einen Toten … Herr Bürgermeister,bitte sagen Sie mir nicht, dass all dies in Ihrer Stadt nicht vorkommen könnte. Ich war bis zum 20. Juli 2001 fest davon ausgegangen, dass meinem Sohn und vielen anderen - die als Bürger eines demokratischen Staats ihre Grundrechte wahrgenommen haben - nicht hätte passieren können, was ihnen widerfahren ist.“ Giuliani weiter: „Ich frage Sie: Hat sich das gelohnt? (…) Heutzutage gibt es beeindruckende technische Möglichkeiten, um über weite Distanzen miteinander zu kommunizieren. Das Mittel der Telefonkonferenz können auch acht oder sogar zwanzig sogenannte „Größen“ mit ihrem Gefolge nutzen – sie brauchen dafür nicht unsere Städte militärisch zu besetzen. Was bei uns in Genua zu beobachten war und was im Juli in Hamburg geschehen wird - ist nur eines: eine Machtdemonstration.“ Der 'Guardian' bilanzierte: „Genua sagt uns: Wenn sich der Staat bedroht fühlt, werden alle Gesetze von ihm ausser Kraft gesetzt – es herrscht die blanke Gewalt, die schrankenlose Willkür.“

Hier der Brief im Original

 


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