Zur Startseite english version

Alle Meldungen

VIDEOBOTSCHAFT VON NOBELPREISTRÄGERIN

„Es muss den Regierenden klar sein, dass in der Zukunft die Hauptkonfrontation der Kampf zwischen Mensch und Natur sein wird. Die ersten Zeichen dieser Konfrontation waren Tschernobyl und Fukushima“, sagt Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in einer Videobotschaft für die Extra-Ausgabe des Literaturfestivals 'Lesen ohne Atomstrom' anlässlich des G20. Die weißrussische Schriftstellerin sieht die Zivilisation im nuklearen Zeitalter am Abgrund, fordert deshalb vor dem Staatschef-Gipfel radikale Umwälzungen: „Um zu überleben, müssen wir andere Menschen werden – mit einer anderen Philosophie.“ Mit den Staatschefs aus USA, Russland, Türkei, Frankreich, Großbritannien und Japan kommen die einflußreichsten Atomlobbyisten der Welt in Hamburg zusammen. Das Ergebnis der Atompolitik habe sie selbst gesehen, sagt Alexijewitsch, die mehrfach an die zentralen GAU-Plätze der Welt in der Ukraine und Japan gereist ist: „In Tschernobyl hat die Natur über den Menschen gesiegt, in einem ungleichen Kampf. Die Regierenden sollten sich bewusst machen: Wegen dieser Konfrontation zwischen Mensch und Natur wird es Millionen Flüchtlinge geben. Es werden ganze Karawanen sein.“
Die Nobelpreisträgerin konstatiert „die Niederlage des rationalen Menschen: Die Welt braucht jetzt einen humanitären Menschen, der die Natur nicht als seinen Selbstbedienungsladen ansieht, sondern sich zu ihr verhält wie zu einem lebenden Wesen. Der sich selbst nicht als Herrscher, als Zar über die Natur betrachtet, sondern sich als Teil von ihr begreift – als einen ziemlich hilflosen Teil.“ Das Alexijewitsch-Statement wird bei der konzertanten Lesung am 5. Juli in der Laeiszhalle gezeigt, gemeinam mit einer Videobotschaft aus Tokio von Japans Ex-Premier Naoto Kan. Auch der frühere G20-Teilnehmer fordert von seinen ehemaligen Kollegen vor dem Hamburger Gipfel konkrete Schritte zum weltweiten Atomausstieg.

 

HAIDI GIULIANI APPELLIERT AN HAMBURGS BÜRGERMEISTER

Ihren Sohn Carlo tötete die Polizei mit einem Kopfschuss, als der 23-Jährige mit 300.000 Menschen am 20. Juli 2001 gegen den G8-Gipfel in Genua protestierte. Im Vorfeld des G20 in Hamburg hat sich die frühere Parlamentsabgeordnete Haidi Giuliani, die am 5. Juli bei 'Lesen ohne Atomstrom' über die Ereignisse von Genua berichten wird, an Hamburgs Regierungschef Olaf Scholz gewandt: „Verteidigen Sie sich, Herr Bürgermeister – und verteidigen Sie bitte Ihr schönes Hamburg! Dafür reicht es, klar 'Nein' zu G20 zu sagen.“ Das Schreiben von Giuliani, das die 'Lesen ohne Atomstrom'-Veranstalter der Hamburger Senatskanzlei übersandt haben, werfe unweigerlich eine Frage auf - sagt Festivalsprecher Oliver Neß: „Hat auch Hamburgs Senat im Vorfeld des G20 Leichensäcke angeschafft? Wir haben den Bürgermeister dazu um Information gebeten, leider keine Antwort erhalten.“ In Genua waren 200 Transporthüllen für die offenbar einkalkulierten Toten der Gipfel-Proteste bereitgehalten worden, berichtet Giuliani Hamburgs Bürgermeister: „Erlauben Sie mir, Sie auf einige Zahlen von drei Tagen G8-Gipfel im Jahr 2001 aufmerksam zu machen: es gab 18 Pistolenschüsse durch die Polizei, die G8-Veranstalter kauften im Vorfeld des Gipfels 200 Leichensäcke, 6152 Patronen Tränengas wurden gegen unbewaffnete Menschenverschossen, es wurden fünf Kreuzfahrtschiffe als Unterkunft der Delegationen bereitgestellt, es mussten 15 Milliarden Lire (damals 15 Millionen D-Mark) Schadenersatz-Zahlungen geleistet werden, die Gipfelkosten betrugen rund 240 Milliarden Lire (damals 240 Millionen D-Mark), rund 20.000 „Sicherheitskräfte“ wurden eingesetzt. Und: Es gab einen Toten … Herr Bürgermeister,bitte sagen Sie mir nicht, dass all dies in Ihrer Stadt nicht vorkommen könnte. Ich war bis zum 20. Juli 2001 fest davon ausgegangen, dass meinem Sohn und vielen anderen - die als Bürger eines demokratischen Staats ihre Grundrechte wahrgenommen haben - nicht hätte passieren können, was ihnen widerfahren ist.“ Giuliani weiter: „Ich frage Sie: Hat sich das gelohnt? (…) Heutzutage gibt es beeindruckende technische Möglichkeiten, um über weite Distanzen miteinander zu kommunizieren. Das Mittel der Telefonkonferenz können auch acht oder sogar zwanzig sogenannte „Größen“ mit ihrem Gefolge nutzen – sie brauchen dafür nicht unsere Städte militärisch zu besetzen. Was bei uns in Genua zu beobachten war und was im Juli in Hamburg geschehen wird - ist nur eines: eine Machtdemonstration.“ Der 'Guardian' bilanzierte: „Genua sagt uns: Wenn sich der Staat bedroht fühlt, werden alle Gesetze von ihm ausser Kraft gesetzt – es herrscht die blanke Gewalt, die schrankenlose Willkür.“

Hier der Brief im Original

 

LIVESTREAM, RADIOÜBERTRAGUNG, PUBLIC VIEWING

Es gibt viele Möglichkeiten, am 5. Juli beim restlos ausverkauften 'Empört Euch – Engagiert Euch!' live dabei zu sein: 'Lesen ohne Atomstrom TV' sendet einen Livestream mit drei Kameras und eigener Regie auf dieser Seite, der Hamburger Radiosender FSK (93,0 MHz) bereitet eine eigene Liveübertragung aus der Laeiszhalle vor, und in der bundesweit bekannten Künstlersiedlung Gängeviertel gibt’s die konzertante Lesung als Public Viewing auf Leinwand.

 

JAPANS EX-PREMIER KAN APPELLIERT AN G20

2010 und 2011 saß er bei den Staatschef-Gipfeln noch selbst am Konferenztisch, im Vorfeld des Hamburger G20 appelliert Japans Ex-Premier Naoto Kan nun eindringlich an seine ehemaligen Kollegen. In einer Videobotschaft für 'Lesen ohne Atomstrom' sagt Kan: „Die Weltgemeinschaft muss eine Gesellschaft schaffen, die sowohl auf Atomstrom als auch auf fossile Energieträger verzichtet. Mit diesem Herzenswunsch wende ich mich nun an Sie, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des G20-Gipfels.“ Kan war Regierungschef Japans als 2011 in Fukushima die Atommeiler explodierten. Im vergangenen Jahr gab er bei 'Lesen ohne Atomstrom' in Hamburg interne Einblicke in diese Zeit. Mit der regelrecht traumatischen Erfahrung Kans in der Bewältigung des Super-GAU appelliert der Ex-Premier nun an die G20: „Ich würde mich freuen, wenn Sie sich beim Hamburger G20-Gipfel den Zielen des Atomausstiegs sowie der Stärkung der Erneuerbaren Energien gemeinsam annehmen und konkret für deren Umsetzung kämpfen.“ Um seinem Appell an die G20 Nachdruck zu verleihen, weist Kan auf die Dramatik der Geschehnisse zu seiner Amtszeit hin: „Es hat damals nicht viel gefehlt, dass die Hälfte des japanischen Territoriums mit einer Einwohnerzahl von 50 Millionen Bürgern hätte evakuiert werden müssen. Bis zu diesem Tag war ich davon überzeugt, dass eine Katastrophe wie die in Tschernobyl in Japan mit seinen hohen technischen Standards unmöglich sei. Das jedoch war ein Irrtum. Ich bin seither vom kompletten Gegenteil überzeugt - und folglich der Meinung, dass Atomkraftwerke nicht nur in Japan sondern weltweit abgeschafft werden müssen. Atomstrom ist obsolet, der Energiebedarf kann allein durch erneuerbare Energien gedeckt werden.“ Und Japans Ex-Premier sieht in der Lösung der Energiefrage auch einen wichtigen Beitrag zum Frieden in der Welt: „Mit Hilfe der Erneuerbaren Energien ist es jedem Land möglich, seinen Energiebedarf selbständig zu decken. Gelingt uns das, ersticken wir damit jedweden Kampf um Energie im Keim.“

Der Appell Kans wird als Videobotschaft beim mehrstündigen 'Lesen ohne Atomstrom'-Kulturprogramm am 5. Juli in der Hamburger Laeiszhalle gezeigt.

 


Seite 2 von 25