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Schätzing und Otto zu Kulturförderung

Warum 'Lesen ohne Atomstrom'? „Um klar zu sagen: Energiewende ist machbar. Aber dann macht auch!“, erläutert Frank Schätzing aktuell gegenüber dem STERN sein Engagement für das unabhängige Literaturfestival 'Lesen ohne Atomstrom', das gestern in Hamburg eröffnet wurde. Und der Star-Autor geht gegenüber dem STERN auch auf das zweite zentrale Thema von 'Lesen ohne Atomstrom' ein: Wie können bei begrenzten öffentlichen Mitteln Literaturfestivals möglich werden?

„Kulturförderung durch Großunternehmen ist wünschenswert. Viele Künstler und Festivals könnten ohne solche Zuwendungen gar nicht überleben“, sagt Schätzing – und merkt mit Blick auf das von 'Lesen ohne Atomstrom' beförderte Aus der 'Vattenfall-Lesetage' an: „Die Verbissenheit, mit der Vattenfall zum Buhmann erklärt wurde, hat mich eher gestört. Ginge es bei 'Lesen ohne Atomstrom' einzig darum Feindbilder zu pflegen, wäre ich nicht dabei. Mich interessiert ausschließlich der Blick nach vorne: Wie kann man die Energiewende beschleunigen? Ohne Weltverbessererpathos und Konzernschelte, sondern mit handfesten Initiativen.“

'Lesen ohne Atomstrom' ist eine solch „handfeste Initiative“, wird Schätzing von Unternehmer und Kulturmäzen Frank Otto vom Kultur für alle e. V. bestärkt, der 'Lesen ohne Atomstrom' organisiert: "Das Greenwashing von Vattenfall war speziell, besonders brachial. Deswegen ist es gut, dass es das nicht mehr gibt.Generell ist aber rein gar nichts dagegen zu sagen, wenn große Unternehmen sich für die Förderung der Kultur engagieren, so auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen - aber dann bitte dezent als wirkliche Mäzene, denen es um die Kunst geht und nicht für die eigene Imagepolitur."
Bestseller-Autor Roger Willemsen hatte bei 'Lesen ohne Atomstrom 2012' bereits die Grenze pointiert gezogen: „Was wäre falsch daran, wenn Heckler und Koch eine Lesung von Berta von Suttners "Die Waffen nieder" sponsern würde? Man kann nicht gut gegen eine Energieform sein, sich aber durch sie finanzieren lassen.“

Das ganze Interview mit Frank Schätzing gibt’s hier auf STERN.DE

 

 

 

Beeindruckender Künstlerprotest

Der Kulturmissbrauch zwielichtiger Konzerne ist international – und der Protest dagegen zunehmend auch: Ähnlich wie seit Jahren in Hamburg mit dem Festival „Lesen ohne Atomstrom“ verwahren sich derzeit Künstler der traditionsreichen Biennale in Sidney gegen den Hauptsponsor des örtlichen Kulturereignisses. Die Firma Transfield ist als Mitinhaber privat betriebener Flüchtlingslager Teil der „unmenschlichen“ Repression gegen Flüchtlinge in Australien. Viele Biennale-Künstler kritisieren, dass Transfield „von der Abschiebungs-Industrie Australiens profitiert“, zogen ihre Werke zurück. Nachdem die Biennale-Organisatoren zunächst an ihrem Hauptsponsor festhalten wollten, gab dieser schließlich selbst auf.

Der verstorbene Transfield-Seniorchef, Franco Belgiorno-Nettis, war vor 40 Jahren einer der Mitbegründer der Sydney-Biennale. Sein Sohn und heutiger Transfield-Vorstand, Luca Belgiorno-Nettis, führte das Biennale-Sponsoring weiter, ließ sich als „Vorsitzender des Ausstellungs-Kommitees“ einsetzen.

„Lesen ohne Atomstrom“-Sprecher Oliver Neß erklärt: „Die Organisatoren von 'Lesen ohne Atomstrom' haben höchsten Respekt vor dem Künstlerprotest in Sidney. Wir werden die Erklärung der Biennale-Künstler bei 'Lesen ohne Atomstrom' in der kommenden Woche präsentieren.“

 

Auch RWE beendet Greenwashing in Hamburg

Nach Informationen aus Unternehmenskreisen soll der Atomkonzern RWE entschieden haben, sein Sponsoring des Hamburger Literaturfestivals „Harbour Front“ zu beenden. Noch wird RWE auf der Harbour-Front-Internetpräsenz als „Partner“ geführt. „Nach allem was wir hören, ist RWE aber schon beim nächsten Event im September nicht mehr dabei“, erläutert Liz Kistner, Projektkoordinatorin des Kultur für alle e. V., der „Lesen ohne Atomstrom“ organisiert.

Bei der Programmpräsentation von „Lesen ohne Atomstrom 2014“ am 11. März hatten Konstantin Wecker und Frank Otto noch darauf aufmerksam gemacht, dass Hamburgs Senat und RWE bislang gemeinsam „Harbour Front“ finanzieren – und angekündigt: „Wir werden auch das künftig mit exklusiver Kultur begleiten.“ Das ist nun offenbar nicht mehr nötig. Oliver Neß, Festivalsprecher von „Lesen ohne Atomstrom“: „Hamburg ist kein gutes Pflaster mehr für das Greenwashing der Atomindustrie. Nach dem Rückzug von Vattenfall legt nun wohl RWE seinen Kulturmissbrauch still. Trotz aller Bemühungen des Senats, den Atomkonzernen hier eine attraktive kulturelle Spielfläche zu bieten – in dieser Stadt machen Schriftsteller, Künstler, Theater, Fußballvereine, Bücherhallen, Unternehmer und viele engagierte Bürger die Strategie der Atomindustrie öffentlich zum Thema, akzeptieren das Greenwashing nicht länger. Frei nach Elke Heidenreich: Schön, dass die Atomkonzerne das jetzt eingesehen haben.“

 

„Enge Allianz von Kulturbehörde und Atomindustrie“

Beim Prolog von 'Lesen ohne Atomstrom' am Fukushima-Jahrestag, dem 11. März, in den Kammerspielen stand die Verbindung von Hamburger Kulturbehörde und Atomindustrie im Fokus. Kulturmäzen Frank Otto erklärte, dass das Festival 'Lesen ohne Atomstrom' auch nach dem Ende der 'Vattenfall-Lesetage' weiter ausgebaut wird – um „dafür zu sorgen, dass die enge Allianz der Kulturbehörde mit der Atomindustrie öffentlich diskutiert wird“. Konstantin Wecker, der in den Kammerspielen das Programm von 'Lesen ohne Atomstrom 2014' präsentierte, konkretisiert das: „Die Atomkonzerne verwetten mit ihrer menschenfeindlichen Technologie unseren Planeten. Sie benutzen die Kultur, um ihr desaströses Image aufzupolieren. Mit 'Lesen ohne Atomstrom' konnten wir das im Fall von Vattenfall öffentlich machen - und stoppen. Das ist aber nur ein Beispiel: Einträchtig sind Hamburger Senat und RWE Sponsor des 'Harbour Front'-Festivals. Wir werden auch das mit exklusiver Kultur begleiten.“ Otto bestätigt: „Bei 'Harbour Front' legt die Kulturbehörde ergänzend zum Geld von RWE noch einen Millionenbetrag obendrauf.“

Und mehr noch: Nach Informationen namhafter Schriftsteller werden nahezu alle Beteiligten der 'Vattenfall-Lesetage' in den kommenden Wochen ein neues Literaturfestival öffentlich vorstellen. 'Lesen ohne Atomstrom'-Sprecher Oliver Neß sagte in den Kammerspielen: „Für das neue Festival, das offenbar vom Literaturhaus als langjährigem Partner der 'Vattenfall-Lesetage' koordiniert wird, stellt die Kulturbehörde wohl eine hohe finanzielle Unterstützung zur Verfügung. Und wie zu hören ist, sehen die Planungen vor, dass früher oder später auch Vattenfall als Sponsor wieder mit von der Partie sein soll. 'Lesen ohne Atomstrom' wird beizeiten die nötige Öffentlichkeit zu diesem Deal herstellen.“

 


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